Sonntag, 20. September 2009

Eid mubarak!



Montag, 24. August 2009

Say Salaam Aleikum! Ramadan Kareem!




Freitag, 21. August 2009

Ramadan kareem!!!

Donnerstag, 20. August 2009

Losing Afghanistan?

Mittwoch, 5. August 2009

Einige Gedanken über den Stellenwert des Ramadan

Von Yasin Alder, Bonn
(iz). Das Fasten im Monat Ramadan ist eine der Fünf Säulen des Islam und eine Pflicht für jeden Muslim und jede Muslimin, sofern sie nicht zu den definierten, davon ausgenommenen Gruppen gehören. Damit das Fasten gültig ist, müssen einige rechtliche Regeln eingehalten werden. Diese wurden in den vergangenen Jahren in der IZ immer wieder zusammenfassend dargestellt, weshalb an dieser Stelle nun stattdessen auf einige grundlegende Aspekte dieses Monats eingegangen werden soll.

Zunächst die entscheidenden Verse über den Ramadan im Qur’an: „O, die ihr Iman [Vertrauen in Allah] habt! Das Fasten ist euch vorgeschrieben, so wie es denen vorgeschrieben war, die vor euch waren, damit ihr Taqwa [Furcht und Respekt vor Allah in jedem Augenblick, die das gesamte Verhalten beeinflusst] habt. Es sind nur abgezählte Tage. Und wer von euch krank ist oder sich auf einer Reise befindet, soll eine Anzahl anderer Tage [fasten]. Und denen, die es mit großer Mühe ertragen können, ist als Ersatz die Speisung eines Armen auferlegt. Und wenn jemand freiwillig Gutes tut, so ist es besser für ihn. Und dass ihr fastet, ist besser für euch, wenn ihr es [nur] wüsstet! Der Monat Ramadan ist es, in dem der Qur’an als Rechtleitung für die Menschen herabgesandt worden ist und als klarer Beweis der Rechtleitung und der Unterscheidung. Wer also von euch in dem Monat zugegen ist, der soll in ihm fasten. Und wer krank ist oder sich auf einer Reise befindet, soll eine Anzahl anderer Tage [fasten] - Allah will es euch leicht, Er will es euch nicht schwer machen - damit ihr die Frist vollendet und Allah rühmt, dass Er euch geleitet hat. Vielleicht werdet ihr dankbar sein.

Und wenn dich Meine Diener über Mich befragen, so bin Ich nahe; Ich höre den Ruf des Rufenden, wenn er Mich ruft. Deshalb sollen sie auf Mich hören und an Mich glauben. Vielleicht werden sie den rechten Weg einschlagen. Es ist euch erlaubt, euch in der Nacht des Fastens euren Frauen zu nähern; sie sind Geborgenheit für euch und ihr seid Geborgenheit für sie. Allah weiß, dass ihr gegen euch selbst trügerisch gehandelt habt, und Er wandte euch Seine Gnade wieder zu und vergab euch. So pflegt nun Verkehr mit ihnen und trachtet nach dem, was Allah für euch bestimmt hat. Und esst und trinkt, bis der weiße Faden von dem schwarzen Faden der Morgendämmerung für euch erkennbar wird. Danach vollendet das Fasten bis zur Nacht. Und pflegt keinen Verkehr mit ihnen, während ihr euch in die Moscheen zurückgezogen habt. Dies sind die Schranken Allahs, so kommt ihnen nicht nahe! So erklärt Allah den Menschen Seine Zeichen. Vielleicht werden sie gottesfürchtig sein.“ (Al-Baqara, 183-187)

Es gibt darüber hinaus zahlreiche Aussagen vom Gesandten Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, über das Fasten und dessen Nutzen und Segnungen.

So etwa in der folgenden Überlieferung vom Gesandten Allahs, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, einem Hadith Qudsi, in dem dieser außerqur’anische Worte Allahs widergibt; Allah, der Mächtige und Erhabene, hat gesagt: „Jede Handlung des Sohnes von Adam gehört ihm selbst, außer dem Fasten. Es ist Mein, und Ich werde ihn dafür entlohnen. Das Fasten ist ein Schutz. Wenn einer von euch fastet, soll er weder obszön noch zu laut sprechen, und wenn ihn jemand beleidigt oder herausfordert, dann soll er sagen: ‘Ich faste.’ Bei Dem, in Dessen Hand die Seele von Muhammad ist, der Atem desjenigen, der fastet, ist bei Allah genehmer als der Duft von Moschus. Der Fastende hat zwei Freuden: Wenn er sein Fasten bricht, erholt er sich, und wenn er seinem Herrn gegenübersteht, hat er Freude an seinem Fasten.’“

Der Prophet sagte auch: „Wer im Ramadan betet, im Glauben und in Hoffen auf die Belohnung, dem werden seine vergangenen falschen Taten vergeben.“ Aus den Überlieferungen vom Gesandten wissen wir auch, dass im Ramadan die Tore zum Garten geöffnet sind, die Tore des Feuers hingegen geschlossen und die Schaitane [Teufel] in Ketten gelegt sind.

Wir sind angehalten, gemäß dem überlieferten Vorbild des Propheten im Ramadan besonders großzügig und freigiebig zu sein, obwohl dies ohnehin schon eine der grundlegenden Tugenden der Muslime ist. Die traditionellen Einladungen von Gästen zum Fastenbrechen gehen auf den folgenden Ausspruch des Gesandten zurück: „Wer immer einem Fastenden etwas gibt, mit dem er sein Fasten brechen kann, erhält die gleiche Belohnung, ohne dass dies die Belohnung des Fastenden in irgend einer Weise verringern würde.“

Gemäß der Praxis des Propheten Muhammad sollte man während der letzten zehn Tage des Ramadan sein nächtliches Gebet und seine sonstigen Handlungen der Anbetung besonders intensivieren oder sich ganz in die Moschee zurückzuziehen und sich der Anbetung, dem Gedenken an Allah und der Qur’an-Rezitation zu widmen [I’tikaf]. Im Ramadan besonders viel den Qur’an zu lesen, am besten ihn einmal ganz durchzulesen, gehört zu den besonderen Handlungen dieser gesegneten Zeit: Im Qur’an heißt es: „Der Monat Ramadan ist es, in dem der Qur’an als Rechtleitung für die Menschen herabgesandt worden ist und als klarer Beweis der Rechtleitung und der Unterscheidung.“ (Sure Al-Baqara, 185)

Elementar wichtig ist es, neben den das Körperliche betreffenden Regeln des Fas­ens auch die innerlichen, das Verhalten betreffenden Aspekte zu beachten, wie sie beispielsweise in dem folgenden, bekannten Hadith genannt werden: „Wer sich nicht der Falschheit in Wort und Tat enthält, von dem hat Allah auch keinen Bedarf, dass er sich des Essens und Trinkens enthält.“ Mit anderen Worten: Ohne diese Verhaltensregeln ist das körperliche Fasten grundsätzlich in Frage gestellt. Dies wird auch eindrücklich in der Aussage des Propheten deutlich, in der es heißt: „Mancher Fastende hat von seinem Fasten nichts als Hunger, und mancher im Gebet stehende hat von seinem Stehen nichts als Schlaflosigkeit.“

Das Fasten ist eine ganzheitliche Erfahrung und keine rein körperliche Übung. Es geht weit darüber hinaus. Natürlich gelten diese die Zunge und das Verhalten betreffenden Anforderungen jederzeit und nicht nur im Ramadan, doch können sie hier in Verbindung mit dem Fasten besonders gut eingeübt werden, weil man auch durch das körperliche Fasten noch achtsamer und aufmerksamer bezüglich seiner eigenen Handlungen ist, als man es eigentlich ohnehin sein sollte.

Es gibt zwei grundlegende Aspekte des Ramadan, wie Abdalhaqq Bewley sie in seinem Buch „Islam - its Basic Practices and Beliefs“ beschreibt. Der eine ist die Handlung des Fastens und der zweite ist der Charakter der Zeit selbst. Das Fasten, dass es auch in allen anderen spirituellen Traditionen gibt, ist eine spezifisch menschliche Praxis.

Jedes andere Geschöpf, das hungrig ist, würde, wenn ihm Nahrung, die es mag, vorgesetzt wird, sie automatisch verspeisen. Nur der Mensch ist fähig, sich durch einen bewussten Willensakt unter solchen Umständen des Essens zu enthalten. Das Fasten hat vielfältige Nutzen, wie etwa auch den unbestreitbaren gesundheitlichen Nutzen.

Der vielleicht größte Nutzen liegt aber laut Bewley in der Tatsache, dass wir mit dem freiwilligen Verzicht auf Essen und Trinken eine der fundamentalen Verbindungen kappen, die uns in dieser niederen Welt gefangen halten, die schon mit dem Stillen an der Brust der Mutter begonnen hat, und uns statt dessen öffnet für die Präsenz Allahs und dem damit verbundenen Wissen.

Ohne Zweifel ist der Ramadan eine ganz besondere Zeit, die sich qualitativ von jeder anderen Zeit unterscheidet, wie man als Muslim spüren kann, sogar unabhängig von der Handlung des Fastens, das heißt nicht nur durch das Fasten. Abdalhaqq Bewley meint, es sei, als hätte Allah das Fasten gerade in dieser Zeit vorgeschrieben, damit man den maximalen Nutzen aus dieser Besonderheit der Zeit ziehen könne. Damit deutet er auf das große Geheimnis der Lailatu’l-Qadr hin, die in diesem Monat liegt und ihn durchdringt. Doch dies ist ein großes Thema für sich.

Donnerstag, 23. Juli 2009

Auf zum Kiosk um die Ecke!

Eine berührende Geschichte von Verfolgten, die als Fremde kamen und als Freunde gingen



«DOK-Serie»: Die Schweiz im 2. Weltkrieg
Fremde Soldaten, exotische Freunde

Spannende Information zu später Stunde. Kathrin Winzenried und der Historiker Jakob Tanner befassen sich mit einer humanitären Schweiz, die wenig bekannt ist: Bewohner von Triengen im Kanton Luzern verbrüderten sich mit Soldaten aus Algerien, die im Dorf interniert waren. Die Frauen und Männer von Triengen wehrten sich für ihre fremden Freunde auch gegen engstirnige Schweizer Bürokraten. Die Filme zeigen das kleine Dorf Triengen im Kriegssommer 1940. Auf der Flucht vor den Deutschen kommen algerisch-französische Soldaten (Spahis) in das Dorf bei Sursee LU. Die farbigen Kämpfer bringen das Dorfleben aus den Fugen und die Triengener Mädchen in Versuchung. Mehr als 60 Jahre später macht sich Marc Basoin – der Sohn eines Internierten – auf eine Zeitreise und sucht nach Spuren seines Vaters. Was er findet: Bürgerinnen und Bürger von Triengen, die noch heute stolz sind, dass sie damals auf die Fremden menschlicher reagierten, als viele Behörden. Eine berührende Geschichte von Verfolgten, die als Fremde kamen und als Freunde gingen.

Montag, 27. Juli 2009, 23.15 Uhr, SF 1

Freitag, 17. Juli 2009

Grundsätzliches zur traditionell dynamischen Rolle von Frauen in der muslimischen Gemeinschaft.



Von Aisha Bewley

(iz). Wissen über die umfangreiche Rolle von Frauen in der Geschichte verschiedener muslimischer Gesellschaften ist heute - wenn überhaupt - nur noch bruchstückhaft vorhanden. Jahrhunderte des Niedergangs, von Kolonialismus und Modernismus haben die Funktion und Rolle von Frauen innerhalb des Islam teils bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. In dieser Hinsicht sind jene Biographien und Verzeichnisse hilfreich, die diese Musliminnen erwähnen, die heute im Gedächtnis auch der Muslime in Vergessenheit geraten sind.


Der folgende Text ist die Einleitung der Autorin zu ihrem wegweisenden Buch „Muslim Women. A Biographical Dictionary“, einem kurzem alphabetischen Glossarium, in dem wichtige Frauengestalten des Islam enthalten sind. Dazu zählen die Ehefrauen des Propheten, Gefährtinnen aus seiner Zeit, Überlieferinnen prophetischer Aussagen, gelehrte Frauen, weibliche Sufis, Stifterinnen, Herrscherinnen und andere bedeutende Frauen. Die IZ wird in den folgenden Ausgaben Auszüge des Wörterbuchs übersetzen und veröffentlichen.

Dieses Buch entstand ursprünglich als Antwort auf wiederholte Anfragen nach einer Bereitstellung von Quellen über weibliche Gelehrte. Als ich meine biografischen Referenzen durchging, war ich überrascht von der Menge der Bezüge auf Frauen und der großen Anzahl von Frauen, die in allen Lebensbereichen vertreten waren - von Frauen des Wissens bis zu Herrscherinnen, entweder Regentinnen bis hin zu Frauen, die anderweitig politischen Einfluss ausübten. Dies brachte mich zur Entscheidung, die verfügbaren biografischen Referenzen auf Frauen zusammenzustellen. Angesichts der heutigen Sichtweisen von Frauen im Islam zeichnet das Buch ein überraschendes Bild, wie aktiv Frauen von Anbeginn des Islam bis heute waren.

Das Buch beinhaltet die Periode von der Zeit des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, vom 1./7. Jahrhundert bis ungefähr zur Mitte des 13./19. Jahrhunderts, auch wenn einige Einträge jüngeren Datums sind. Es gibt ein großes Studienfeld, welches es noch zu erforschen gilt, wie sehr der augenblickliche Status der Frauen unter Muslimen den westlichen Einstellungen gegenüber der Weiblichkeit geschuldet ist, und insbesondere gegenüber muslimischen Frauen. Muslime haben diese unwissentlich assimiliert bis hin zu einer Übernahme westlicher Vorstellungen davon, wie Muslime Frauen sehen.

Menschen aus dem Westen begannen - mit Ausnahme früherer Reiseberichte - erst mit Beginn der Kolonialperiode ernsthaft über den Islam zu schreiben. Dies war eine Zeit, in der die westliche Haltung gegenüber Frauen davon geprägt wurde, dass diese das „schwächere Geschlecht“ seien. So erfahren wir, dass französische Kolonialbehörden es Musliminnen verboten haben, in Moscheen zu unterrichten und sich dagegen aussprachen, dass Frauen einflussreiche Positionen einnahmen - ich selbst habe mit älteren Frauen gesprochen, die sich noch an solche Vorgänge erinnern konnten. Daher ist die Linse, durch die der Westen muslimische Frauen sieht, eine verzerrte. Sobald diese den Muslimen aufgezwungen beziehungsweise ihnen eingepflanzt wurde, wurde diese Meinung in steigendem Maße zur festen Norm.

Wie wir aus einem Blick auf die Einträge erkennen können, blieb die Rolle von Musliminnen in den letzten 14 Jahrhunderten auf keinem Fall auf Heim und Familie beschränkt. Sie haben viele verschiedene Rollen gleichzeitig ausgefüllt, alle miteinander verbunden, anstatt nur eine beschränkte Auswahl aus getrennten Kategorien zu haben. Eine Geschäftsfrau bleibt trotzdem eine Mutter und eine Gelehrte eine Ehefraue. Frauen lernen leichter, mit verschiedenen Dingen gleichzeitig umzugehen.

Es gibt verschiedene, überragende Kategorien, die in diesem Lexikon behandelt werden. Eine davon besteht aus den weiblichen Gefährtinnen des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben. Die zweite wichtige umfasst die weiblichen Gelehrten, insbesondere Überlieferinnen von prophetischen Aussagen (Ahadith). Dabei sollte ich anmerken, dass es hier mehr als 800 weibliche Hadithgelehrte und Überlieferinnen gibt, die ich nicht mit aufgenommen habe. Dann kommen Herrscherinnen und Frauen mit politischem Einfluss und schließlich Frauen im Sufismus.

Es gab auch auf anderen Feldern aktive Frauen, aber es ist offenkundig, dass in diesem Bereich weniger Aufzeichnungen vorliegen. Es gab Frauen wie Busra bint Ghazwan, eine Geschäftsfrau, die Abu Huraira einstellte und ihn später heiratete. Wie haben nicht alle Aufzeichnungen von unabhängigen Unternehmerinnern, aber einige wie die von Khadidscha, der Ehefrau des Propheten, und von Busra und Qaila, sodass es von Anfang an deutliche Nachweise über die weiblichen Aktivitäten auf diesem Gebiet gibt. Mit einbezogen sind auch weibliche Förderinnen, die Moscheen, Madrassen und Auqaf gründeten. Auch hier musste eine große Menge ausgelassen werden. Es gibt eine zu große Tendenz unter vielen Muslimen, die weibliche Rolle auf die von Müttern und Hausfrauen zu beschränken. Aber wie wir aus den historischen Aufzeichnungen erkennen können, ist dies eine eher moderne Übereinkunft. Tatsächlich zählt - zumindest im malikitischen Recht - die Hausarbeit nicht zu den Pflichten einer Ehefrau, solange dies nicht ausdrücklich im Ehevertrag festgelegt wird. Eine Ehemann sollte dafür dankbar sein, dass Frauen die Hausarbeit verrichten, denn diese entspricht einem Geschenk ihrerseits. Dies soll nicht heißen, dass es nicht auch Frauen gegeben hat, die nur Hausfrauen waren, aber bis zur Ankunft der Moderne gab es unter Musliminnen eine größere Vielfalt als in anderen Kulturen. Dies wird durch die Tatsache bekräftigt, dass die Frau im Islam als eine eigenständige spirituelle und rechtliche Einheit betrachtet wird. Eine Frau kontrolliert ihren eigenen Besitz und sie muss diesen nicht automatisch mit ihrem Gatten teilen. Das Problem des zeitgenössischen Stereotyps besteht darin, dass es eine scheinbar notwendige Entscheidung erzwingt: Entweder Mutter/Hausfrau zu sein oder Karriere zu machen. Beides zu tun, war immer eine Möglichkeit, insbesondere dann, wenn es erweiterte Großfamilien gab. Diese stehen im deutlichen Gegensatz zu Kleinfamilie beziehungsweise zu den Alleinerziehenden, die durch ihre eigene Situation beschränkt und versklavt bleiben. Offenkundig hat der Islam den Frauen die Erweiterung ihrer Reichweite über ihre eigenen Bedürfnisse, Aspirationen und Fähigkeiten hinaus ermöglicht.

Die Bildung von Frauen ist entscheidend für das Wohlergehen der Gesellschaft. Wir kennen die oft bemühte Aussage: „Al-Umm Madrassa (Die Mutter ist eine Schule)“ Wenn es der Mutter an Wissen fehlt, wie wird dann diese Schule aussehen? Was werden die Kinder lernen? Die Bedeutung der Frauenbildung ist augenscheinlich. Männer und Frauen sind sich eine gegenseitige Hilfe und Unterstützung. Sie sollten sich achten und inspirieren. Es gab in der menschlichen Situation immer die Möglichkeit eines wirklich gemeinschaftlichen Paares - im Gegensatz zum täglichen Drama von Krieg und Frieden. Wir sehen dies beispielsweise an der Beziehung von Fatima von Nischapur zur Dhu’n-Nun Al-Misri und Jazid Al-Bistami. Wir erkennen in der gesamten muslimischen Geschichte, dass Frauen von Männern und dass Männer von Frauen lernten.

Auf die Vergangenheit blickend wird klar, dass wir unsere allgemeine Sicht auf Frauen - und auf die muslimische Frau insbesondere - neu bewerten müssen. Tatsächlich hat der Islam immer eine unglaublich flexible Umgebung geschaffen, in der Frauen erblühen und ihre höchsten Möglichkeiten erzielen konnten. Dies ist sicherlich einer der Bereiche, den westliche Orientalisten entweder ignoriert oder vermieden haben und der eine dringliche Neubewertung braucht. Denn viele Muslime haben die westliche Einschätzung der Rolle von Musliminnen geschluckt und diese dann verteidigt und fortgeführt.

Das negative Vorurteil über die Rolle muslimischer Frauen, welches oft durch Medien verbreitet wird, leitet sich aus der Unwissenheit des Rangs von Frauen im Islam ab und ist von einem kulturellen Imperialismus eingefärbt. Wie kann beispielsweise ein Rechtssystem, dass die Glaubens- und Religionsfreiheit verteidigen will und gleichzeitig das Tragen eines Kopftuches als einen Ausdruck dieser Freiheit untersagt, als aufgeklärt und gerecht gelten?

Zur Zeit des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, waren Frauen in allen Lebensbereichen sehr aktiv und er hat nichts unternommen, sie davon abzuhalten. Es ist diese Qualität des Islam, die das Leben der meisten in diesem Buch beschriebenen Frauen prägte und zwar auf eine Art und Weise, die weit über die sprachliche Beschreibung hinausgeht. Und es ist diese Qualität des Islam, die durch die bestehende direkte Übermittlung prophetischer Weisheit aufrechterhalten wurde, die aufrichtige Muslime heute in ihrer eigenen Lebenszeit etablieren und erfahrbar machen wollen.

An islamische Wurzeln erinnert


UNHCR und OIC veröffentlichten Studie über Ursprünge des Flüchtlingsrechts im islamischen Recht.

Von Sulaiman Wilms, Berlin

«Mehr als jede andere historische Quelle sind der Heilige Qur'an gemeinsam mit der Sunna und den Hadithen des Propheten eine Grundlage für das heutige Flüchtlingsrecht.»

(UN-Flüchtlingskommissar Antonio Guterres)

Einzelne Begriffe und Terminologien prägen das Denken und die Erzeugung bestimmter Bilder weitaus stärker als ein durchdachter "Diskurs". Vielen meiner Generation wurden eine unbewusste Abneigung gegen alles "konservative" und "bürgerliche" eingeimpft, sodass aus dem nüchternen Begriff des "bürgerlichen" unbewusst und sehr schnell das "spießbürgerliche" wird.

Heute - in Zeiten einer globalen Vernetzung und minutenschneller Verfügbarkeit weltweiter Nachrichten - füllt beispielsweise die vermeintliche Islam-Debatte (vermeintlich deshalb, weil sie am existenziellen und spirituellen Gehalt des "Islam" vorbeigeht) diesen halb bewussten, halb unbewussten mentalen Raum aus. Fällt - ohne einen angeschlossenen intellektuellen "Diskurs" - das kleine Wörtchen "Scharia", dann kommt dieser beinahe neurologische Automatismus zum Tragen. Neurechte, Altlinke und Verteidiger der "Werte" in Deutschland gehen beim bloßen Hören des Wortes entweder auf die Barrikaden oder aber sehen sich zumindest genötigt, den warnenden Zeigefinger zu heben.

Strahlwirkung des islamischen Rechts
Im Gegensatz dazu steht die Einsicht anderer, unbefangener Stimmen, wonach hinter der so genannten "Scharia" eine komplexe Rechtsgeschichte steht, die mehr mit unseren heutigen Institutionen zu tun hat, als mancher zu glauben bereit ist. Ein Beispiel für die Ausstrahlung des islamischen Rechts ist das heutige internationale Flüchtlingsrechts.

Am 23. Juni veröffentlichte das UN-Flüchtlingskommissariat (UNHCR) in Zusammenarbeit mit der Organisation der Islamischen Konferenz an der Naif Arab Universität im saudischen Riad die Studie "The Right to Asylum Between Islamic Shariah and International Refugee Law: A Comparative Study" (Der Anspruch auf Asyl zwischen islamischer Scharia und internationalem Flüchtlingsrecht). Die vom UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, Antonio Guterres, herausgegebene Studie stammt aus der Feder des Kairoer Rechtsprofessors und Dekans der Rechtsfakultät, Ahmad Abu Al-Wafa.

OIC-Generalsekretär Ihsanoglu merkte an, dass die Studie nachweise, wie "die gleichwertigen und duldsamen Regelungen der islamischen Scharia auf Flüchtlinge angewandt werden können und wie sie sich um ihre Wohlfahrt und Interessen sorgen. Gleichzeitig bestätigen sie die Unverletzlichkeit des Menschen und dessen Recht auf ein freies und anständiges Leben."

Flüchtlingskommissar sieht weitreichende Verbindungen
In seiner kenntnisreichen Einführung in die UNHCR-Studie zog UN-Flüchtlingskommissar Guterres eine direkte Linie von muslimischen Traditionen der Asyls bis zum jetzigen, internationalen Flüchtlingsrecht.


Die tief verwurzelten arabischen Traditionen hätten über eine lange Zeit als feste Grundlage für den Schutz des Menschen und der Bewahrung seiner Würde gedient. Begriffe wie "Istidschara" (Bitte um Schutz), "Idschara" (Gewährung von Schutz", "Iwa" (beherbergen) und andere seien Variationen des Konzepts von Schutz, das sich im Herzen des Mandats liegt, welche dem Hochkommissar für Flüchtlinge der Vereinten Nationen übertragen worden sei.

"Die Scharia des Islam festigt die humanitären Prinzipien der Brüderlichkeit, Gleichheit und Toleranz unter den Menschen. Der Erleichterung von Leiden und Hilfeleistung, Schutz und Gewährung von Sicherheit für die Bedürftigen, sogar den Feinden", seien integraler Bestandteil dieser Scharia. Diese ginge um so viele Jahrhunderte den internationalen Abkommen über Menschenrechten und Normen voraus. Dazu zähle, so Guterres, das "Recht auf Asyl und das Prinzip der Nicht-Zurückweisung, die zur Bewahrung des Lebens und des Wohlergehens der Flüchtlinge gedacht sind."

Das islamische Recht, so der UN-Flüchtlingskommissar, garantiere Sicherheit, Würde und Sorge für die "Musta'min" (Asylsuchenden). Darüber hinaus folgten islamische Gesellschaften spezifischen Prozeduren als Antwort auf die Bitte um Asyl. Hier war die Zurückweisung der "Musta'min" durch die Scharia untersagt. Heute stelle dies eine Eckstein des internationalen Flüchtlingsrechts dar.


Heute seien die meisten Flüchtlinge weltweit Muslime. Dies geschehe in einer Zeit, in der das Niveau von Extremismus - ethnischer und religiöser - global ansteige; sogar in den am meisten entwickelten Ländern. "Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und populistische Panikmache manipulieren die öffentliche Meinung und vermischen Flüchtlinge mit Einwanderern und sogar Terroristen." Diese Einstellungen hätten auch zu Missverständnissen über den Islam beigetragen, wofür muslimische Asylsuchende einen großen Preis bezahlt hätten. "Wir sollten klarstellen: Flüchtlinge sind keine Terroristen, sie sind zuerst und vor allem Opfer von Terrorismus", forderte Antonio Guterres.

Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Die Ergebnisse des Berichts widersprechen direkt der augenblicklichen Lebenswirklichkeit von Asylsuchenden in vielen, mehrheitlich muslimischen Ländern. Deren Umgang mit und Hilfe für Flüchtlinge ist - im besten Fall - fehlerhaft.

"Für seinen Teil erinnert der Bericht den Einzelnen an die moralische und religiöse Verpflichtung, den er gegenüber Flüchtlingen hat. (...) Sudanesische Flüchtlinge kommen nach Ägypten, um sich dem Konflikt in ihrer Heimat zu entziehen. Aber in Ägypten erleben sie oft Diskriminierung, Ausbeutung und sogar Gewalt, da es nur wenige Strukturen gibt, um sie zu schützen", schrieb Sasha Williams dazu in der "Daily News Egypt".

Ob das Bewusstsein der islamischen Rechtsgrundlagen eine bedeutende Auswirkung auf die Politik der Führer in der muslimischen Welt haben wird, bleibe unsicher, so Williams. Die kleine Geste der Aufnahme eines Flüchtlings in den eigenen Haushalt, der in der früheren Tradition normal war, sei kein Konzept, welches sich so einfach im Jahr 2009 umsetzen ließe.

Dienstag, 14. Juli 2009

Der Mord an Marwa el-Sherbini – Verschleierungen und Versäumnisse



Von Silvia Horsch (www.nafisa.de)

Am 1. Juli hat ein Mord aus Fremdenfeindlichkeit und Islamhass stattgefunden. Das Motiv ist vielleicht selten so offensichtlich wie in diesem Fall: Der Täter, Alex W. hatte die kopftuchtragende Marwa el-Sherbini ein Jahr zuvor auf einem Spielplatz als „Islamistin“ „Moslemschlampe“ und „Terroristin“ beschimpft. Ein Dresdner wurde Zeuge dessen und rief die Polizei, es kam zu einem Verfahren wegen Beleidigung. Zusammen mit ihrem Mann und ihrem dreijährigen Sohn lebte Marwa el-Sherbini seit wenigen Jahren in Dresden, wo sie als Apothekerin arbeitete und ihr Mann am Max-Planck-Institut promovierte. Alex W. wurde zu einer Geldstrafe von 780 Euro verurteilt, ein Urteil, das aufgrund von weiteren menschenverachtenden Äußerungen während des Prozesses von der Staatsanwaltschaft als zu milde, von ihm selbst als ungerechtfertigt angesehen wurde. Im Berufungsverfahren sagte Marwa el-Sherbini als Zeugin aus. Nach ihrer Aussage stürzte sich Alex W. mit den Worten „Du hast kein Recht zu leben!“ auf sie und metzelte sie mit 18 Messerstichen (innerhalb von 30 Sekunden) nieder. Ihr Ehemann, Elvi Ali Okaz, wurde beim Versuch sie zu schützen von einem zu Hilfe gerufenen Polizisten irrtümlich angeschossen. Marwa el-Sherbini starb noch im Gerichtssaal, sie war im dritten Monat schwanger. Ihr Mann wurde schwer verletzt und der dreijährige Sohn musste alles mit ansehen. Die Familie wollte in drei Monaten nach Ägypten zurückkehren – nun ist sie zerstört.

Die wichtigen Fragen wurden nicht gestellt

In den ersten Tagen wurde über das Verbrechen unter Überschriften wie „Zeugin von Angeklagtem vor Gericht erstochen“, und „Streit um eine Schaukel“ in der Rubrik „Panorama“ und „Vermischtes“ berichtet. Man dachte an ein Gerichtsdrama und einen eskalierten Nachbarschaftsstreit – schreckliche Dinge, die aber nun mal leider vorkommen.
Dann wurden die Motive „Rassismus“ und „Ausländerhass“ aufgrund der ägyptischen Herkunft von Marwa el-Sherbini vermutet und vom Sprecher der Staatsanwaltschaft mittlerweile auch bestätigt. Ihr Kopftuch, das sie als Muslimin erkennbar machte, wurde in den meist kurzen Artikeln der ersten Tage zwar ab und an erwähnt, aber die Frage nach einem islamophoben Hintergrund der Tat nicht gestellt.


Eine Woche später fragt sich Andrea Dernbach im Tagesspiegel und der Zeit:
Warum ist der Tod einer Kopftuchträgerin, die nicht Opfer eines Ehrenmords wurde, eine Woche lang nur eine kurze Meldung in den Nachrichtenagenturen und auch für die politischen Institutionen kein Grund, auch nur zu zucken?
Sie stellt folgende Vermutungen an:
Könnte es sein, dass dieser Tod – es wird wegen Mordes ermittelt – nicht in unser Raster passt? […] Vielleicht schaut man da weg, weil das Hinschauen zu viele populäre Dogmen Lügen strafen würde. Den Lehrsatz “Bildung ist der Schlüssel zur Integration” zum Beispiel. Hier starb eine junge bestausgebildete Frau, verheiratet mit einem Landsmann, der in Sachsen am angesehenen Max-Planck-Institut arbeitete – wer weiß, ob das die Wut des Täters nicht sogar gesteigert hat? Oder nehmen wir den: “Islam und westliche Gesellschaft passen nicht zusammen”. Marwa E. wehrte sich auf eine nicht nur rationale und zivile, sondern nebenbei auch überaus deutsche Weise: Statt zurückzubrüllen oder zuzuschlagen, erstattete sie Anzeige. Und eine weitere Wahrheit sollte schmerzen: Die Assoziation “Islam, Islamist, Terrorist”, das alles ausgelöst durch den Anblick eines Menschen mit etwas dunklerer Haut und einem Kopftuch, lässt sich schwer als Einzelfall abtun.
Über die Versäumnisse der Medien berichtet auch The Guardian.
Solche und solche Opfer

Mich erinnert die Berichterstattung auch an den medialen Umgang mit den Ergebnissen einer Studie, die vom BMFSFJ in Auftrag gegeben und im Januar 2007 veröffentlicht wurde. Es ging um „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland“. Zwei der Ergebnisse lauteten:
38% der türkischen Migrantinnen erlebten Gewalt durch den eigenen Partner, gegenüber 25% der mehrheitlich deutschen Gruppe der Hauptuntersuchung,
61% der türkische Migrantinnen haben psychische Gewalt durch wenig oder nicht bekannte Personen im öffentlichen Raum erlebt (gegenüber 42% der mehrheitlich deutschen Frauen) und 54% geben an, aufgrund des Geschlechts, des Alters oder der Herkunft benachteiligt oder schlecht behandelt worden zu sein (gegenüber 26%).
Welches Ergebnis wurde in den Medien häufig erwähnt und welches wurde kaum thematisiert? Richtig geraten. Eine muslimische Frau ist als Opfer ihres eigenen Ehemanns, Vaters oder Bruders offenbar viel interessanter denn als Opfer fremden- und islamfeindlicher Personen in ihrer Umgebung.

Fassungslosigkeit in Ägypten

Dass sich die Medien schließlich der Islamophobie doch noch annehmen, liegt nicht daran, dass eine Frau aus islamfeindlichen Motiven ermordet wurde, sondern an den Protesten im Ausland, vor allem bei der Beerdigung Marwa el-Sherbinis in Ägypten, und der dortigen Berichterstattung, die Islamhass in Deutschland beklagt. Auslandskorrespondenten berichten darüber und kritisieren die spärlichen Reaktionen von Politik und Medien:
„‘Schwangere Deutsche in Ägypten erstochen!‘ Was wäre da los. Wie würden die deutschen Medien berichten, wie würden die Deutschen reagieren, fragt der aufgebrachte junge ägyptische Blogger Hischam Maged. „Wie würde darüber berichtet, wenn eine westliche Frau irgendwo auf der Welt – Gott verbiete im Nahen Osten – von einem muslimischen Extremisten niedergestochen worden wäre? schreibt er. Eine Frage, in der eine Menge Wut, Fassungslosigkeit und Ärger steckt.“ (taz.de 09.07)

Ablenkungsmanöver und Verdrängungsstrategien

Nach solchen Nachrichten echauffiert man sich in der Welt über „emotionale Debatte über den Mord“ und weist darauf hin, dass Deutschland jetzt – nachdem Axel Köhler (KRM) auf eine islamophobe Stimmung bis in die Mitte Gesellschaft aufmerksam gemacht hat – stärker durch islamistische Anschläge gefährdet sei. Die Suedddeutsche hält fest, dass „die mörderische Tat des erst 2003 nach Deutschland gekommenen Mannes mindestens so viel über die in Russland vorherrschende Islamphobie aussagt wie über Fremdenfeindlichkeit in Deutschland.“ Islamophobie gibt es demnach nur in Russland. Überhaupt fällt oft auf, dass die Herkunft von Alex W. in einer Art und Weise in den Vordergrund gestellt wird, die die Frage nach einer möglichen Mitverantwortung der deutschen Öffentlichkeit für eine solche Tat gar nicht erst aufkommen lassen soll. Der Täter ist ein „Ausländer“ wird auf diese Weise suggeriert (was das Motiv des „Ausländerhasses“ allerdings ungewollt erklärungsbedürftig macht).

“So was wie Dich sollte man die Wand stellen”

Es fällt den Medien, aber auch der Politik ganz offensichtlich schwer, Islamophobie als Phänomen ernst zu nehmen und in diesem Mordfall als Hintergrund der Tat angemessen zu thematisieren. Mit Sicherheit ist Alex W. ein Rassist und fremdenfeindlich. Aber es gibt mittlerweile eine islamophobe Unterart des Rassismus, die mit dem Kriterium der „Rasse“ zwar verbunden werden kann, aber auch ohne „Rasse“ auskommt und nur auf die Religionszugehörigkeit abzielt. (Ich selbst wurde vor einiger Zeit abends im Bus von einem jungen Mann mit den Worten bedroht: „So was wie Dich sollte man an die Wand stellen!“ Meine deutsche Herkunft war ihm nur ein noch größeres Ärgerniss.) Rassismus/Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie als Motive gegeneinander auszuspielen, macht keinen Sinn. Ebensowenig macht es Sinn, nur über die Begriffe und nicht über die damit bezeichneten Phänomene zu diskutieren. (Zum mißverständlichen Begriff der Islamophobie vgl. Heiner Bielefeld, Das Islambild der Deutschen: “Gemeint sind damit nicht etwa generelle Ängste vor dem Islam (wie dies das Wort fälschlich suggeriert), sondern negativstereotype Haltungen gegenüber dem Islam und seinen tatsächlichen oder mutmaßlichen Angehörigen. Eine islamophobe Einstellung kann sich unter anderem in verbalen Herabsetzungen und Verunglimpfungen, strukturellen Diskriminierungen oder auch tätlichen Angriffen gegenüber Menschen mit muslimischem Hintergrund ausdrücken.

Endlich Reaktionen

In der taz und der FR wird schließlich das Phänomen beim Namen genannt: „Man nennt es Islamophobie“ (Hilal Sezgin) und „Mord mit islamfeindlichem Hintergrund?“. Zuvor hatten sich eine Reihe von Organisationen und Gruppen der Zivilgesellschaft kritisch zu Wort gemeldet, die islamischen Verbände (zum Teil erstaunlich spät, der Koordinationsrat gab erst eine Woche später eine Erklärung ab), der Interkulturelle Rat, das Institut für Medienverantwortung , die Grünen Muslime, Vertreter der Wissenschaft, zu nennen sind hier insbesondere Iman Attia von der der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin und Peter Widmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung (hier eine Studie von ihm zum Thema) und nicht zuletzt der Zentralrat der Juden. Deren Generalsekretär Stephan Kramer besuchte gemeinsam mit dem Generalsekretär des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, den verletzten Ehemann. Kramer übte deutliche Kritik an den „unverständlich spärlichen“ Reaktionen von Politik und Medien.
In einem Beitrag für die Deutsche Welle wundert er sich zudem darüber, dass diese gemeinsame Aktion eines Juden und eines Muslims offenbar mehr mediale Aufmerksamkeit findet als der Mord selbst und schreibt:
Angesichts dieser Situation tut ein klärendes Wort Not. Ich bin nicht nach Dresden gefahren, weil ich als Jude Angehöriger einer Minderheit bin. Ich unternahm die Reise, weil ich als Jude weiß: Wer einen Menschen wegen dessen Rassen-, Volks- oder Religionszugehörigkeit angreift, greift nicht nur die Minderheit, sondern die demokratische Gesellschaft als Ganzes an. Deshalb ist nicht die Frage relevant, warum ein Vertreter der jüdischen Gemeinschaft Elwi Ali Okaz seine Trauer und Solidarität bekundete, sondern die, warum es nicht auch einen massiven Besucherstrom oder Solidaritätsadressen von Vertretern der deutschen Mehrheitsgesellschaft gab? Warum kamen die Reaktionen der Medienlandschaft wie der Politik auf den Mord so spät? Jetzt wird, nicht zuletzt unter dem Druck der internationalen Öffentlichkeit, nachgebessert. Allerdings überzeugt erzwungene Betroffenheit nicht.

(SPD leader Franz Muentefering (R), Saxony's Minister of Scienctific Affairs Eva-Maria Stange (C) and Saxony's Justice Minister Geert Meckenroth (L) put down white roses for the Egyptian Marwa El Sherbiny who was stabbed to death in the County Court on 01 July 2009 in front of the town hall in Dresden, Germany, 11 July 2009)

Nach massiven Forderungen verschiedener Politiker der Grünen, Linken, FDP und SPD gibt die Integrationsbeauftragte Maria Böhmer am 10.07. (!) eine Presseerklärung ab.
Dem innenpolitischen Sprecher der Fraktion von CDU/CSU fällt hingegen nur folgendes ein: “Wenn es ein politisches Phänomen wäre, dass typischerweise Russlanddeutsche auf islamische Frauen losgehen, dann müsste sich die Politik äußern”, sagte Hans-Peter Uhl. Die Tat sei aber ein Einzelfall. Anscheinend brauchen wir erst eine Mordserie, bevor Christdemokraten erwägen, über die zunehmende Islamfeindlichkeit in Deutschland nachzudenken.
Antiislamische Hetze und islamophobe Einstellungen

Die islamischen Verbände, die Grünen Muslime und andere Institutionen haben in Stellungnahmen auf Webseiten und Gruppierungen, wie Politically Incorrect (PI) und Pro NRW hingewiesen, die islamfeindliche Einstellungen verbreiten. Die Artikel und Kommentare von PI-Lesern zeugen von einer nicht erträglichen und meiner Meinung nach nicht hinnehmbaren Menschenverachtung. Ähnliche Äußerungen wie auf PI finden sich auch in den Kommentaren zu Artikeln der Welt (Welt Online am 06.07.): Der Täter Alex W. wird als „Freiheitskämpfer“ bezeichnet und für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen, ein Leser registriert erfreut „Ein Pinguin/Schleiereule weniger“ und einige Kommentare weiter unten ergänzt ein anderer: „ +Pinguinbaby ;o)“. Aus welcher Richtung diese Kommentare kommen, verdeutlicht ein weiterer Beitrag: „Die Züge gen Auschwitz müssen wieder rollen!“. Mittlerweile wurde aus bisher unbestätigter Quelle bekannt, dass es sich bei Alex W. um einen NPD-Wähler handeln soll, kurz vor dem Mord soll er ausgerufen haben: „wenn die NPD an die Macht kommt, ist damit (mit dem Lebensrecht für Muslime/Ausländer in Deutschland) Schluss“. Ein Artikel in der Zeit, der sich mit dem fremden- und islamfeindlichen Hintergrund der Tat befasst, wurde offenbar ähnlich kommentiert, denn die Moderatoren sahen sich (im Unterschied zu Welt online) genötigt, den thread zu schließen, nachdem sie einen Großteil der Beiträge zensieren oder gleich ganz löschen mussten.
Sicherlich sind dies die Ansichten einer radikalen Minderheit, die im Internet besonders lautstark ist. Nur stellt diese 1. – wie der Mord in Dresden deutlich gemacht hat - eine reale Bedrohung für in Deutschland lebende Muslime dar, ist 2. mit Hilfe von Steuergeldern in rechtsextremen Parteien gut organisiert und 3. als extreme Spitze des Eisbergs ein Indikator für die in der deutschen Gesellschaft weiter verbreiteten Ressentiments, die sich z.B. im Verlauf der „Kopftuchdebatte“ auch in der Mitte der Gesellschaft ganz unverhohlen gezeigt haben, wie die frühere Ausländerbeauftragte Berlins, Barbara John, darlegt. Die im Verlauf dieser Debatte gefallenen Äußerungen über das Kopftuch - nicht vom extremen Rand, sondern aus der Mitte der Gesellschaft, von politischen und kirchlichen AmtsträgerInnen und bekannten Intellektuellen - haben zu einer Atmosphäre beigetragen, in der viele meinen, ihrem Hass auf den Islam offen Ausdruck verleihen zu können. (Zum Islambild der Deutschen vgl. den bereits erwähnten, wichtigen Essay von Heiner Bielefeld.) Dass der verbalen Gewalt irgendwann die physische folgt, ist dann nur eine der Frage der Zeit.

Wo ist die Bundesregierung?

Es muss daher eine eindeutige Reaktion erfolgen und von Seiten der Politik Maßnahmen gegen Islamophobie ergriffen werden. Bis jetzt warten wir allerdings vergeblich auf das Mindeste, was man hätte erwarten können: Eine öffentliche Äußerung der Bundeskanzlerin oder des Bundesinnenministers. Bisher äußerte sich nur ein Sprecher, der noch bis zum 06.07. betonte dass, „die Umstände nicht hinreichend klar gewesen sind (!), um eine so weitreichende politische Erklärung abzugeben“ (freitag). Frau Merkel hat am Rande des Gipfels mit Mubarak, dem Staatschef Ägyptens, darüber gesprochen (offenbar waren da die Umstände klarer) – als ob es sich bei dem Mord um ein Problem der internationalen Beziehungen handele, und nicht um einen Vorfall, der die in Deutschland lebenden Muslime und die deutsche Gesellschaft insgesamt betrifft. Dazu passt, dass sich zwar der Außenminister zu Wort meldet, um gegenüber seinem ägyptischen Amtskollegen zu betonen, dass Islamophobie keinen Platz in Deutschland habe - was natürlich ein frommer Wunsch ist und keine Beschreibung der Realität, wie einschlägige Umfragen leider belegen. Der Innenminister aber – aller Islamkonferenz zum Trotz – hüllt sich in Schweigen und unterstützt lieber den Außenminister: Er hoffe, dass das deutsch-ägyptische Verhältnis durch die Tat nicht belastet werde, ließ er durch einen Sprecher ausrichten. Nun, das deutsch-ägyptische Verhältnis scheint sich durch eine vom deutschen Botschafter in Auftrag gegebene, großformatige Todesanzeige und Beileidsbekundung in der ägyptischen Tageszeitung al-Ahram wieder gebessert zu haben. Eine Adresse an die in Deutschland lebenden Muslime hingegen – Fehlanzeige. Das ist einfach beschämend. An die vier Millionen Muslime in Deutschland, die nicht nur durch den Mord, sondern auch (und vor allem!) durch die Reaktionen der Medien und der Politik verunsichert sind, ein persönliches Wort der Abscheu über diese Tat zu richten, wäre nicht nur ein Gebot der Menschlichkeit sondern auch der politischen Vernunft gewesen.

Verstörende Schlussfolgerungen

Die Tatsache, dass (bis auf wenige Ausnahmen) erst die Proteste im Ausland Reaktionen der deutschen Politik und Mainstream-Medien hervorgerufen haben, stimmt mehr als nachdenklich. Offenbar befürchtet man eine Verschlechterung der Beziehungen zwischen Deutschland und Ägypten, bzw. der islamischen Welt, die wie beim Karikaturenstreit auch wirtschaftliche Konsequenzen haben könnte (der ägyptische Apothekerverband hat zu einem einwöchigen Boykott deutscher Medikamente aufgerufen). Erst mit der Berichterstattung aus dem Ausland ließen sich die tatsächlichen Hintergründe der Tat nicht mehr herunterspielen. Man muss sich fragen, was passiert wäre, wenn es sich bei Marwa nicht um eine Bürgerin eines strategisch wichtigen arabischen Landes mit einer lebendigen Presselandschaft gehandelt hätte. Möglicherweise würden wir uns alle nur noch dunkel an einen Streit um eine Schaukel erinnern.
Ebenso bedenklich ist es, dass es erst einen Mord braucht, um Islamophobie zum Thema zu machen. Vor einigen Jahren gab es schon einmal beinahe ein Todesopfer: Eine junge Libanesin, Nasrine C., und ihre Schwiegermutter, beide Kopftuchträgerinnen, wurden im Januar 2002 in Berlin-Hellersdorf in der Straßenbahn von Nazi-Schlägern angegriffen und zusammengeschlagen. Von einer größeren Anzahl anwesender Passanten griff nur ein junger Mann und der Straßenbahnfahrer ein. Nasrine C. wurde lebensgefährlich verletzt, aber sie überlebte. Eine nachhaltige Debatte über Islamfeindlichkeit kam nicht in Gang - ob es diesmal der Fall sein wird, bleibt erst noch abzuwarten.
Mittlerweile hat in Dresden eine Trauerfeier stattgefunden an der sich 1500 Menschen, Muslime und Nichtmuslime, darunter der SPD-Parteichef Müntefering, beteiligten. Er forderte, wie auch Politiker anderer Parteien politische Konsequenzen aus dem grausamen Mord. Diesen Forderungen müssen Konzepte und ihre Umsetzung folgen, damit dem Mord an Marwa el-Sherbini nicht weitere Gewalttaten folgen.

Muslimische Reaktionen

Im Internet wurde der Mord unter Muslimen von Anfang an heftig diskutiert. Die Reaktionen, die von großer Anteilnahme geprägt sind, haben eine große Bandbreite, die vom Bemühen um sachliche Information bis zu Verschwörungstheorien reicht. Der salafitische Prediger Pierre Vogel hat am Sonntag nach der Tat ein Totengebet und eine Kundgebung in Berlin mit 2000 Teilnehmern organisiert und stieß damit in eine Lücke, die die Verbände mit ihren zum Teil verspäteten Reaktionen gelassen hatten. Das Totengebet war eine wichtige Handlung, um Marwa auch in Deutschland die letzte Ehre zu erweisen und ihrer Familie zu zeigen, dass die Muslime in Deutschland an ihrem Schicksal anteilnehmen. Sich bei dieser Gelegenheit jedoch abfällig über die “weichgespülten” muslimischen Verbände zu äußern, ist mehr als unangemessen, da der Tod Marwas auf diese Weise zur Profilierung gegenüber anderen Gruppen ausgenutzt wird.
Auch die Märtyrerverehrung, die jetzt eingesetzt hat, erscheint mir bedenklich. Sicherlich ist es richtig, dass Marwa als Märtyrerin bezeichnet werden kann, insofern ihre (sichtbare) Religionszugehörigkeit ein maßgeblicher Grund für ihre Ermordung gewesen ist. Und dafür, dass Allah sie im Paradies für ihren gewaltsamen Tod auf das Beste entschädigt, beten wir alle. Die Formulierung “Märtyrerin des Kopftuchs” finde ich hingegen höchst problematisch. Sie suggeriert, dass das Kopftuch eine im Islam so wichtige Sache wäre, dass man für sie in den Tod gehen müsste und ist damit ein Beispiel für die - nicht zuletzt durch die Kopftuchdebatte geförderte - maßlose Überbewertung des Kopftuchs unter vielen Muslimen. Und mit Sprüchen wie “Kopftuchträgerin bis zum Tod”, zu finden im arabischen Internet, ist die Grenze zur Geschmacklosigkeit weit überschritten.

Was kann man jetzt konkret und sinnvoll tun?

Es gibt eine Spendenkampagne, mit der sowohl Marwas Hinterbliebene als auch die kritische Begleitung der juristischen Aufarbeitung des Mordes unterstützt werden soll. Auf der website www.wobleibtmerkel.de werden bis zum 17.07. Unterschriften gesammelt, um Frau Merkel zu einer persönlichen Stellungnahme aufzufordern.
Auf islam.de gibt es ein Kondolenzbuch, in das man sich eintragen kann. Die Einträge werden dem Ehemann der Ermordeten übermittelt. Vor allem stehen wir - Muslime und Nichtmuslime - vor der Aufgabe, die Gefahr der Islamophobie bewusst zu machen. Notwendig ist z.B. eine Dokumentation islamophober Übergriffe, aber auch von Diskriminierungen im Alltag und im Berufsleben aufgrund der Zugehörigkeit zum Islam. Auch die Kopftuchverbote für Lehrerinnen in verschiedenen Bundesländern und die aggressive Debatte darüber müssen vor diesem Hintergrund noch einmal angesprochen werden.
Muslime können als Einzelpersonen, Moscheen oder Gruppen lokal vor Ort über den Islam und die Muslime aufklären mit Vorträgen, Tagen der offenen Moschee, Nachbarschaftseinladungen, kommunalen Festen usw. Sie sollten Kontakte zu lokalen Politikern, Gewerkschaften, Kirchen und sonstigen gesellschaftlichen Akteuren pflegen und sich aktiv am Leben vor Ort beteiligen. Dabei müssen sie immer wieder auf konkrete Vorfälle hinweisen und sich dafür einsetzen, dass diese wahrgenommen und die notwendigen Konsequenzen gezogen werden.